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Vox Homana verlässt die Bühne für immer!

Nach 27 Jahren fällt für den Schwulen Männerchor Hannover der letzte Vorhang.

Seit 1989 war Vox Homana der Anlaufpunkt für Schwule, die Spaß am Singen hatten, die gern auf der Bühne standen und mit Sketchen und Choreographien das Publikum zum Toben brachten. Doch nun wird es still werden um die musikalischen Männer. Zuletzt konnte man sie im letzten Sommer beim zweiten Queerklang­festival sehen, bei dem sie gemeinsam mit anderen Künstlern im Schauspielhaus auftraten. Schon bei jenem Auftritt waren es nur noch zwölf Sänger, zuletzt hatte sich die Zahl der Mitwirkenden auf neun reduziert.

Die Männer von Vox Homana können stolz auf eine ereignisreiche und wechselvolle Geschichte zurückblicken. Angefangen hatte man im Wohnzimmer eines Sängers, aber schon bald etablierte sich der Montag als Chor-Tag im HOME-Zentrum, dem ebenfalls nicht mehr existenten Treffpunkt für schwule und les­bische Gruppen in Hannover. In den 1990er-Jahren wuchs die Mitgliederzahl zeitweise auf über 50 an. Als einer der ersten (offen) schwulen Chöre wurde Vox Homana in den deutschen Sängerbund aufgenommen und nahm an Sängerfesten und Festivals wie "Singen im Park", "Nordakkord" und als Highlight "Various Voices" teil. Wie viele andere engagierte Gruppen dieser Zeit sagte der Chor damit der heterosexuellen Gesellschaft: „Es gibt uns. Wir verstecken uns nicht (mehr).“ Die politische Botschaft wurde mit der Musik und vor allem mit den immer ausgefalleneren Bühnenprogrammen verknüpft. Ein erster Erfolg war „Der gewöhnliche Homosexuelle“, der der Gesellschaft auf vergnügliche (und damals schon selbstironische) Weise den Spiegel vorhielt. „Die Zeitreise“ ging dann sogar auf Tournee – im Rahmen des vom LSVD geförderten Programms „Schwul in der Provinz“. Die Konzerte in Bremerhaven, Kiel, Oldenburg, Osnabrück, Braunschweig, Hameln, Lüneburg trugen zur Popularität des Chores bei. Aber auch in Hannover selbst – einer Stadt mit einer besonders vielfältigen Chorszene – wurde Vox Homana wahrgenommen und zu gemeinsamen Konzerten eingeladen.

Überhaupt ging es bei Vox Homana nie nur ums Singen. Der Kontakt zu anderen schwulen Chören wurde gehegt und gepflegt. Bei den Festivals trafen sich die Sänger wieder und konnten sich als eine große Familie fühlen. Eine besonders enge Beziehung entwickelte sich zu den Münsteranern von Homophon, zu den Leipziger Tollkirschen und auch zu Schola Cantorosa aus Hamburg.

Drei Chorleiter und eine Chorleiterin haben Vox Homana sein musikalisches Gesicht gegeben: Werner Bock, der den Chor als Mann der ersten Stunde formte, Alwin Kölblinger, der den Focus stärker auf die Musik lenkte, Ulf Hagemann, der mit seinen Arrangements immer das letzte Quentchen Musik aus den Sängern herausquetschte und Urszula Cichocka, die trotz ihrer kurzen Amtszeit eine enorme Verbesserung der männlichen Stimmen bewirkte. In musikalischen Fragen hatte eindeutig der Chorleiter das Sagen, ansonsten ging es bei Vox Homana basisdemokratisch zu – ungewöhnlich für einen Chor.

Die Programme entwickelten die Sänger selbst – mit allem, was dazugehört: von der Idee über die Planung bis zur Herstellung der Bühnenbilder. Das führte dazu, dass die Entwicklung eines Programms mitunter vier Jahre in Anspruch nehmen konnte. Das letzte abendfüllende Programm war nach übereinstimmender Meinung aller Sänger gleichzeitig auch das Beste: "Gefährliche Erbschaften". Alles sei aus einem Guss gewesen, habe perfekt zusammengepasst, die Rollen seien ideal besetzt und die Musik gleichzeitig im Zentrum und Begleiter der Geschichte gewesen. Die Kostüme hätten ihresgleichen gesucht und auch das Bühnenbild sei für den Chor außergewöhnlich gewesen. Bei so viel Enthusiasmus fällt der Abschied besonders schwer.

Vox Homana hat sich in Hannover zu einer festen Größe in der schwulen und in der Chorszene entwickelt und war dabei allein durch seine Existenz immer auch politisch. Vielleicht braucht die Stadt in Zeiten, in denen Schule und Lesben endlich wirklich heiraten dürfen, keinen solchen Chor mehr. Vielleicht sind die schwulen Sänger der Stadt in anderen Chören (politisch) aktiv. Mir jedenfalls werden die Bühnenspektakel von Vox Homana fehlen.

Vox Homanas Höhepunkt: Gefährliche Erbschaften